Alternative: Hose voll!

Teil 1

Ein gewöhnlicher Sonntag im Januar 2021, kalt, nass, windig, die Pandemie hat leider keinerlei positive Auswirkungen auf das Wetter in Hannover.

Das Highlight der Woche ist das Spazierengehen. Da ich am Maschsee mittlerweile jeden Schwan mit Namen ansprechen kann, erkunden mein Mann (M.) und ich heute zur Abwechslung den Kanal.

Welch Abenteuer! Aber ehrlich, meine Laune hebt sich, ähnlich wie auf Reisen. Die Pandemie lehrt Bescheidenheit. Nach gut drei Kilometern, während ich die Abwechslung genieße, Möwen statt Schwänen, einen Namen zu geben, meldet sich langsam der Kaffee von heute morgen. Zu meinem Bedauern nicht in Form von munterer Aufgewecktheit, sondern schlicht in Form von Druck auf der Blase. Auch M. muss mal. Noch bevor sich bei mir die Panik breit macht, biegt er schon kurz vom Spazierweg ab in einen Seitenpfad, öffnet die Hose und uriniert stehend mit dem Rücken zur mir und der Welt, fröhlich vor sich hin. Abgeschüttelt, Hose zu, weiter geht’s!

Ich stottere ein „Ich will auch.“ vor mich hin, schaue wie ein Eichhörnchen nach Nüssen suchend links und rechts nach einem Versteck. Laufe den Seitenpfad hoch, doch da sieht man schon die Straße und all die Autos, laufe wieder zurück, links, rechts, nein…Dies ist kein Ort, an dem man unauffällig hockend, seinen blanken Hintern entblößt. Ich denke an Kinder, die ihre Mutter fragen, was die Frau da macht, ich denke an religiöse Familien, die sich, meinem nackten Hintern völlig ausgesetzt bekreuzigen und mit den Armen in der Luft fuchteln. Ich stelle mir vor, wie mein Arbeitgeber um die Ecke kommt, seine Großmutter an der Hand zum Sonntagspaziergang ausführend, vor Entsetzen „Frau Richter!!!“ ruft und dann, nach all diesen Szenarien entscheide ich mich ein wenig weiter auszuharren und einen geeigneteren Platz zu suchen. Es ist aber Januar, kein Blatt am Busch, es ist Januar während der Pandemie: Kein Café und kein Biergarten ist geöffnet. Ich finde kurz vor Zwölf, nach meiner biologischen Uhr, einen Busch, ohne Blätter und nur halbwegs geeignet, laufe wie eine Diebin im geeigneten Moment dahinter und erblicke all die Taschentücher am Boden1. Ja, meine Schwestern*, ihr wart heute auch schon alle hier. Und während ich den einen trockenen Quadratmeter suche, mein Taschentuch bereit halte, es nach Gebrauch beschämt im Angesicht der Umwelt zu Boden zu werfen, während ich versuche den Urinstrahl nur Millimeter neben meinen Stiefeln zu steuern und gleichzeitig nach links und rechts schaue, ob nicht doch jemand kommt, versuche meinen Hintern  hochgenug vom Grashalm zu halten, während all dem frage ich mich ernsthaft: MUSS DAS DENN SEIN?

www.alternativehosevoll.de

(Text: Jutta Bahr und Jana Richter in Kooperation mit der Theatergruppe Frauenzentrum Frauen(t)räume e.V.)


Teil 2

Liebe Jana, nachdem wir deine Probleme mit dem Wasserlassen bei schönen Spaziergängen um den Maschsee an deinem Wohnort Hannover geschildert haben, kommen wir mal in meine Heimatstadt Gifhorn (ca. 42.OOO Einwohner und alle müssen sie mal) an!

In der Stadtmitte gibt es seit kurzer Zeit drei öffentliche Toiletten! Nämlich hinter dem Rathaus, in einem Parkhaus und neuerdings auch am Bahnhof Gifhorn-Stadt. Also, keine Not?? Jetzt will ich mal schildern, was mir neulich passiert ist:

Seitdem mein kleiner Hund gestorben ist, mache ich keine kurzen Spaziergänge mehr in der Nähe meiner Wohnung. Aber wir müssen uns doch bewegen und an die frische Luft! Gerade in diesen Corona-Zeiten! Also- das Fahrrad aus der Garage und hinaufgeschwungen! Wunderschöne Sonnentage trotz des Winters lockten mich heraus. Wohin?? Na, mal um den Schloßsee radeln. Die Wege waren vorzüglich und wegen des schönen Wetters auch entsprechend viele Spaziergänger. Familien mit kleinen Kindern, junge Leute innig aneinander geschmiegt und die älteren Menschen sogar zum Teil mit Walking-Sticks unterwegs. Fahrräder en masse! Ich dachte, hier ist ja so viel los wie auf dem KU-Damm! Rechts und links habe ich Menschen gegrüßt und zugewinkt.

So, aber dann merkte ich, dass mein Nachmittagskaffee dringend `raus musste! Was tun? Die kleine Ecke Wald hatte ich schon hinter mir und da waren ja auch jede Menge Leute mit ihren Hunden. Also- weiter! Beeilung! Schneller! Nein, es war nicht mehr zu schaffen. Also warf ich mein Fahrrad an die Hecke hinter dem Parkplatz am Schloß/Landkreisgebäude und suchte mir zwischen den parkenden Autos einen Platz! Hoffentlich kommt niemand und sieht mich. Ich mache mich doch strafbar nach Paragraph 183a StGB. Da kam schon eine Frau zu ihrem Auto und sah mich. Ich war noch nicht fertig und sah schnell weg. Sie rief mir lachend zu, das sei ihr auch schon öfter passiert. Also, wir sind nicht die einzigen Frauen. Es gibt mit Sicherheit auch Männer, die "mal müssen". Aber da geht es ja wesentlich einfacher! Dabei überlege ich mir, wie es zum Beispiel Busfahrerinnen oder Frauen, die in den Straßen die Grünanlagen pflegen ergeht oder Frauen die menstruieren? Also reichen die drei öffentlichen Toiletten und die Toiletten in drei Gifhorner Supermärkten nicht aus! Es müssen mehr Toiletten her, die natürlich gegen angemessene Bezahlung sauber gehalten werden. Es gibt doch auch jede Menge Ständer mit Kotbeuteln für Hunde. Aber Toiletten? Wie sieht es damit in den anderen Orten und Dörfern im Landkreis aus?

Also Frauen, was unternehmen wir? Reden wir darüber! Tauschen wir uns aus und versuchen, etwas zu ändern. Oder ist die letzte Alternative: HOSE VOLL?

www.alternativehosevoll.de

(Text: Jutta Bahr und Jana Richter in Kooperation mit der Theatergruppe Frauenzentrum Frauen(t)räume e.V.)